Wo sind denn hier die Steckdosen?

Nachdem nun rund zwei Drittel der impffähigen Menschen in Deutschland vollständig geimpft sind, geht sie wieder los, die Tagungs- und Konferenz-Saison. Menschen treffen sich in mal schöneren, mal schäbigeren Räumlichkeiten und besprechen die Themen, die ihnen wichtig sind. Oder die ihnen wichtig erscheinen. In den vergangenen Monaten haben wir viel über die Digitalisierung von Arbeitsabläufen und Kommunikation im beruflichen Umfeld gelernt. Wir haben gelernt, dass man sein Mikrofon stumm schaltet, wenn man gerade nicht spricht. Wir haben gelernt, dass es für die übrigen Teilnehmer einer Video-Konferenz wesentlich angenehmer ist, wenn generell Headsets verwendet werden (besserer Ton, keine Nebengeräusche, you name it …) und wir haben herausgefunden, dass es für das persönliche Zeitbudget sehr effizient und auch für den Klimaschutz überaus wertvoll ist, wenn nicht hunderte Personen an einen gemeinsamen Ort reisen, um sich dort zu treffen, sondern dann, wenn es sinnvoll ist, Meetings digital durchgeführt werden.

Der Mehrwert liegt im persönlichen Gespräch

Aber: Natürlich ist das persönliche Gespräch durch nichts zu ersetzen und der Mehrwert von Tagungen liegt ja oft nicht nur in dem, was sich auf der Bühne abspielt, sondern in den Gesprächen zwischendurch, in den Begegnungen, dem informellen Austausch, den menschlichen Zwischentönen, die im Digitalen einfach nicht so funktionieren wie im »Realen«. Trotzdem stellt sich die Frage: Wie digital sind eigentlich inzwischen die analogen Veranstaltungen? Welche Erkenntnisse haben wir gewonnen, die wir in diese »alte« Veranstaltungsform mitnehmen? Ist hybrid gar zum default geworden? Die nüchterne Erkenntnis: Zwar sind viele Menschen inzwischen fit, wenn es um digitale Veranstaltungsformate geht, sie beherrschen die Techniken, die Codes, die Technik. Bei den Veranstaltern und vor allem bei den Veranstaltungsstätten ist dies indes längst nicht der Fall. Mir schwant – und erste diesbezügliche Erfahrungen habe ich schon wieder gesammelt –, dass sich viele darüber freuen, ihre Events endlich erneut so durchführen zu können, wie sie es über Jahrzehnte hinweg getan haben. Da gibt es dann das Podium (da sitzen oder stehen die vermeintlichen Expert:innen) und es gibt die Tisch- und Stuhlreihen für das Publikum respektive die Teilnehmenden. Im guten Fall gibt es ein Saalmikrofon, im schlechten ist Beteiligung nicht möglich. Auf den Tischen verteilt – wie schon immer – sind Notiz blocke und Kugelschreiber mit Werbeaufdruck, Tagesordnungen gibt es auf Papier und ergänzende Unterlagen ebenso.

Kein WLAN, kein LTE – Veranstalter müssen dazulernen

Das hauseigene WLAN kollabiert nach wenigen Minuten oder ist zumindest nicht so ausgelegt, dass es angemessene Bandbreite für alle bietet. Mit etwas Glück funktioniert LTE oder 5G, aber sicher sein kann man sich da im Vorfeld nicht. Steckdosen am Platz, um Geräte zu laden? Fehlanzeige, und zwar immer. Wer Glück hat, sitzt am Rand und kann sein Ladekabel in Richtung Wand spannen – was stolpertechnisch aber eher suboptimal ist. Die Mutigen suchen nach Bodentanks, in denen Strom zu Hause sein könnte, aber das sieht das Personal nicht gern. Und generell ist es ohnehin beinahe unmöglich, ein Notebook sinnvoll auf den Konferenztischen zu platzieren, denn die adrett aufgebauten Gläser, Wasserflaschen, Tassen und Thermoskannen für ungenießbaren Filterkaffee beanspruchen ebenso ihren Platz wie der obligatorische Teller mit Konferenzkeksen. Und vermutlich ist das alles auch gut so, denn wer sein Notebook aufklappt oder sein Tablet auf den Tisch legt, steht ohnehin im Generalverdacht, lieber Mails zu lesen oder sich irgendwo im weiten Web zu tummeln als dem Veranstaltungsgeschehen zu folgen.

Hybrid als Default – und „digital friendly“ bitte auch im Analogen

Gut, eventuell könnte man sich digital Notizen machen wollen, könnte ergänzende Informationen zu dem auf der Bühne Vorgetragenen recherchieren oder sonstige Dinge im Kontext mit dem Event tun – aber »normal« ist so etwas noch immer nicht und deshalb fehlen dafür die Infrastruktur und das Verständnis der übrigen Gäste. Und so bleibt es eben meist dabei, dass Menschen sitzen, zuhören, ausgedrucktes Papier lesen und anschließend mit nach Hause nehmen. Und auf den eingeblendeten Download-Link für tagesaktuelle Tischvorlagen, auf digitale Abstimmungssysteme und auf ordentliche Bandbreite im WLAN werden wir wohl noch viele, viele Jahre warten müssen. Oder wir bleiben zu Hause, wo wir all das haben – aber dazu müssten Events eben grundsätzlich hybrid konzipiert und durchgeführt werden. Und davon sind wir vermutlich noch weiter entfernt als von der nächsten Steckdose im Sitzungssaal.

Foto: Mitchell Luo/Unsplash