Instagrammable

Nur wenige Tag eim Jahr sind so sehr mit überzogenen Erwartungshaltungen kontaminiert wie die Weihnachtszeit und der Sommerurlaub. Während im Advent nach Möglichkeit alles so sein soll wie immer, harmonisch und familiär, gesellig und traditionell, ist des Deutschen heiligste Kuh – neben seinem Auto, versteht sich – ganz anders gestrickt. Der Sommerurlaub, bei manchen auch schon ins Frühjahr vorgezogen, weil er sonst eventuell mit dem Kurztrip im Herbst kollidieren könnte, ist wichtig. Eigentlich: Das Wichtigste überhaupt. Er ist einer der vielen Gründe, weshalb man überhaupt arbeitet: um ihn sich leisten zu können, und zwar in angemessener Weise.

Was »angemessen« ist, das unterliegt einer höchst persönlichen Interpretation. Laut Arbeitsgesetzen, Tarif- und Arbeitsverträgen dient der Urlaub der Erholung und damit dem Erhalt der Arbeitsfähigkeit. Manchmal ist das auch so, oft aber eher nicht. Denn Urlaub, nun ja, Urlaub ist erst mal Stress. Termine wollen koordiniert sein, insbesondere, wenn zwei Berufstätige unterwegs sind (Kinder haben sechs Wochen frei, die sind flexibel). Der Urlaub muss eingereicht und genehmigt werden, Selbstständige müssen sich an ihren Projekten orientieren – aber wenn man dann mal zwei Wochen gefunden hat, dann ist alles gut. Aber zwei Wochen, was sage ich da? Damit muss man gar nicht erst anfangen, man weiß ja, echte Erholung tritt erst ein, wenn man MINDESTENS drei Wochen … und das haben wir uns ja auch verdient. Ne? Dann die Wahl der Location: Wo geht es hin? Fliegen ist ja heutzutage nicht mehr so angesagt, aber gibt es überhaupt Urlaubsziele, die den gängigen Ansprüchen genügen, die man nicht mit dem Flieger erreichen kann? Es muss schließlich ein wenig exotisch sein, alternativ auch exklusiv, nicht überlaufen (das haut meist nicht hin), jedenfalls irgendwas, wo sich nicht Kreti und Pleti und schon gar nicht die Nachbarn oder die anderen Eltern aus der Whatsapp-Gruppe zufällig über den Weg laufen könnten.

Ein Urlaub muss in jedem Falls instagrammable sein, gute Fotomotive bieten, die man von dort aus dann auch mehr oder minder begabt inszenieren und regelmäßig teilen teilen kann (WLAN ist essentiell, immer aufpassen beim Roaming, das ist nicht in der Urlaubskasse budgetiert!). Man sollte irgendwas finden, bei dem man hinterher sagen kann, es sei sehr ursprünglich gewesen und man habe viel Kontakt zur heimischen Bevölkerung gehabt. Dass die vielleicht nur das Service-Personal hinter dem allabendlichen reichhaltigen und sooo abwechslungsreichen und exotischen Abend-Buffet waren, muss ja niemand erfahren. Wobei Hotel … na ja. Das geht zur Not, ist aber, wenn es nicht zumindest ein Wellness-Resort mit eigener Hütte auf eigener Insel ist, eher was für die Mittelschicht. Mittlerweile ist ja Natur wieder total klasse (mit Dusche und Fußbodenheizung für kalte Nächte, versteht sich), und mit Reisemobilen, die man gern mit Fahrrädern, Surfboards und ähnlichem Aktiv-Accessoires drapieren kann, ist auch das ein oder andere coole Foto vor einem Canyon oder am Strand möglich. Okay, mit Kindern ist das eher anstrengend, aber für die gute Sache müssen sie da vielleicht einfach mal durch.

Das Wesentliche am Urlaub ist nicht der Urlaub, sondern das, was man währenddessen und hinterher auf den einschlägigen Plattformen und beim Kaffee in der Mittagspause berichten kann. Faul am Strand liegen geht gar nicht, wandern ist bedingt ok, aber das sollte man dann schon mit diversen Gourmet-Besuchen bei Bio-Bauern, Kleinstwinzern und in Sterne-Restaurants pimpen. Die normalen Hotspots überlässt man lieber allen anderen, weil: da war der Freundeskreis ja auch schon, und wie peinlich wäre das, wenn man von der andalusischen Finca erzählt und die Kollegin dann von der benachbarten Käserei berichtet, die sie selbst »ja schon vor fünf oder sechs Jahren« entdeckt habe, von der man selbst aber gar nichts mitbekommen und schon gar nichts mitgebracht hat? Undenkbar. Urlaub ist wichtig, Arbeitgeber zahlen daher gern auch mal Urlaubsgeld dafür, aber weil das selten alle Kosten deckt, sind viele durchaus bereit, für die schönsten Wochen des Jahres einen kleinen Kredit aufzunehmen oder zumindest ordentlich in den Dispo zu rauschen. Denn, wie gesagt: Das hat man sich ja verdient. Nun, nicht wirklich, jedenfalls nicht im Voraus, und so zahlt man bis Weihnachten die Kosten dafür ab und ist gerade rechtzeitig damit fertig, um sich in den alljährlichen Weihnachtskonsumrausch zu stürzen. Die permanente Angst vor der Frage »Und, wohin geht ihr dieses Jahr in Urlaub« oder alternativ auch »Na, wo wart ihr?« ernährt eine ganze Branche von Illusionisten, die mit gut aufgenommenen Fotos schlechte Hotels und mit blumigen Beschreibungen üble Ferien-Hütten vermarkten. Es funktioniert, auch deshalb, weil der soziale Druck, in diesen wenigen Wochen des Jahres das Besondere, das Außergewöhnliche, das Vorzeigbare zu erleben, groß ist.

Und wenn das nicht funktioniert, dann wird gern auch mal reklamiert oder geklagt. Was nicht mehr allzu viel mit Entspannung und Erholung zu tun hat, aber wer verdammt noch mal hat eigentlich gesagt, dass Urlaub Spaß machen muss?