Business-Talk für Runaways

Ich weiß gar nicht mehr, wann wir aufgehört haben, klar und verständlich miteinander zu kommunizieren. Aber irgendwann im vergangenen Vierteljahrhundert fand der total angesagte und hippe „Business-Sprech“ Einzug in unseren Berufsalltag. Da trafen sich plötzlich die Achiever in Meetings, diskutierten die Action-Items anhand von Bullet-points, auf die man sich committet hatte, brainstormten dann noch mal, um sich zu befruchten und freuten sich riesig, dass sie nach dem Finalisieren so richtig fett billen können. Auch gerne alles immer „perspektivisch“ oder perspectively betrachtet.

Ich hab da was zu sagen.
Na? Alles klar? Nicht? Dann sind Sie wohl kein Meister des auch als „Bullshit-Bingo“ bekannten Vokabulars, das bei dem „War-of-Talents“, den wir gerade facen, alle beherrschen sollten, die nach klangvollen Arbeitsplatzbeschreibungen streben und beispielsweise Head of Recruitment, CEO of the company oder Assistant of Senior Vize President werden wollen. Jetzt ist aber alles klar, gell?
Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist folgende: Wenn ich mich weigere, auch so eigenartig zu sprechen, oder, noch schlimmer, mein schwafelndes Gegenüber nicht verstehe, bin ich dann blöd? Oder bekommen die anderen den Eindruck, dass man selbst nichts auf der Pfanne hat, wenn man sich in klar verständlichen und grammatikalisch richtigen deutschsprachigen Sätzen ausdrückt?
Ein Verhaltensforscher hätte seine helle Freude an zahlreichen dieser Besprechungen, tschuldigung, Meetings! Sie laufen nach einem streng choreografierten Muster ab.
So auch bei diesem Beispielmeeting, irgendwann kurz vor dem Lockdown: Die Arbeitsbienchen trafen beladen mit zahlreichen wichtigen Unterlagen schon fünfzehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung ein und suchten sich einen unauffälligen Platz am Rand. Sie wissen: Mündliche Beteiligung von ihnen ist nicht verlangt, besser gesagt: nicht erwünscht. Sie dienen ihren Vorgesetzten grundsätzlich als Gedächtnisstütze, wenn es bei einer wichtigen Zahl mal haken sollte, reichen vielleicht auch das eine oder andere Paper rum und fungieren lediglich als Sekundanten. Mit gedämpfter Stimme betrieben sie Small-Talk mit den anderen Nebendarstellern. Punkt Sitzungsbeginn kam Schwung in die trübe Runde, die ersten dynamischen Führungspersönlichkeiten betraten den Raum, schüttelten jovial Hände wo Vertrauen demonstriert werden sollte, klopften auf den Tisch und grüßten mit einem flockigen Spruch in die Runde. Es wurde laut, es wurde wichtig. Die Luft angefüllt mit einem spannungsgeladenen Sirren. Hier und da tröpfelte sich der erste Schlagabtausch warm, man brachte sich schon mal in Stellung, verschoss aber noch nicht das ganze Pulver. Die Arbeitsbienen schwiegen und blätterten in ihren Unterlagen.

Wer zu Letzt zieht, ist der Looser
Fünfzehn Minuten nach der angesetzten Zeit betrat das Alphatier den Raum. Ein Prachtstück an Effizient, der Gruß in die Runde knapp und unmissverständlich: Ich bin in Eile, kommen wir zur Sache, stehlen Sie mir nicht die Zeit. Das war der Startschuss für den Effizienztalk. Ab diesem Zeitpunkt gab es kein Halten mehr unter den Führungspersönlichkeiten. Ein Schlagabtausch folgte dem nächsten, die Sätze wurden immer kürzer, schneller und unverständlicher. Gelegentlich auch sinnentleerter, denn hierbei geht es nicht nur um Inhalte, hier geht es auch um die Demonstration von Globalität, Effizienz und Handlungsbereitschaft. Paper wurden gereicht, Zahlen in den Raum geworfen, die Bienchen (männlich wie weiblich) notierten fleißig mit und versuchten, einen roten Faden in der Sprachsuppe zu entdecken. Denn hinterher muss ja alles protokolliert und abgearbeitet werden. Das ist ihr Job. Und wer hier pennt, hängt seinen Vorgesetzten hin. Das ist schlecht für dessen Karriere und somit auch für die des Bienchens.
Manchmal runzelte der eine oder andere Mitarbeiter auch die Stirn, versuchte zu eruieren, was ihr Vorgesetzter gerade referiert und erkannte mit Erschrecken, dass das so nicht ganz stimmt. Dabei hatte man doch vorher alles genau durchgesprochen. Sobald sie aber merkten, dass es keinem anderen Entscheider aufgefallen ist, konnten sie sich wieder entspannen.

Geheimsprache für Eingeweihte
Am Ende fasste eine der Führungskräfte das Gesagte kurz zusammen, der Silberrücken nickte, die Zahlen hatten überzeugt, der Rest war ihm ziemlich egal – und die ganze Truppe löste sich in umgekehrter Reihenfolge wieder auf. „Geiles Meeting“ für den einen oder anderen, gemessen an seiner Redezeit. Nur nach den tatsächlichen Inhalten darf man nicht jeden fragen, denn – so einer der Teilnehmer hinter vorgehaltener Hand –: „Ich bin ja froh, dass meine Mitarbeiterin das hinterher protokolliert und alles Wichtige noch mal abfragt. Ich höre immer nur mit halbem Ohr zu. Das versteht ja kein Mensch.“