Frauenbilder*Innen

Gut ausgebildet, engagiert, teamfähig, kommunikativ, verantwortungsvoll, belastbar, lernfähig. Wer diese großartigen Eigenschaften mitbringt, müsste das Herz eines jeden Unternehmers höher schlagen lassen. Kommt dann noch Selbstvertrauen und Führungsstärke in starken Dosen dazu, steht die perfekte Führungskraft vor einem. Warum dennoch eher selten in Führungspositionen anzutreffen, ist schnell erklärt. Denn meistens es eine Frau, die diese „Skills“ mitbringt.

Wenn alles ein I hat, sind wir auf der sicheren Seite

Die Quote sollte es richten, Girl´s Days, Förderpreise und „Frauen erwünscht!“-Motivationscookies. Wie man das halt so macht, wenn etwas den Anschein erwecken soll, dass es eigentlich ganz normal ist, dass Frauen gleichberechtigt sind. In allen Bereichen unserer Gesellschaft. 

Nein, es ist nicht ausreichend, alles mit einem Binnen-I, Gender-Sternchen oder der Innen-Form zu versehen. Ich kenne keine erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die für diese Krücken empfänglich ist. Denn es unterstreicht, was wir schon lange überwunden glaubten: Frauen scheinen eine Gruppe zu sein, auf die man explizit hinweisen muss, die eine besondere Ansprache benötigen. 

Bis selbsternannte Vorkämpferinnen vor einigen Jahren begannen, den Finger in die ach so schmerzende Wunde der deutschen Sprache – da Frauen diskriminierend – zu legen, war meine Kommunikations-Welt in Ordnung. 

Nun lernte ich, dass meine Mutter-Sprache (sieh an, weiblich) voll heimlicher (aber bewusster) Respektlosigkeiten und Verbal-Unterdrückungen steckt. Unter dem Motto der Frauenförderung schwangen sich wohlmeinende Gutmenschen und kämpferische Geschlechtsgenossinnen auf, uns alle vom Joch des Sprach-Patriarchs zu befreien. Quasi als weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung.

Doch wie so häufig ist auch hier das „Zuviel des Guten“ ein Zuviel. Frauen wie Männer pendeln nun munter zwischen Verunsicherung, Bemühtheit und Genervtsein. Grabenkämpfe werden gerne auf diesem Nebenkriegsschauplatz ausgetragen. Und wer nicht davon ablassen möchte, zieht mit einem: „Die Veränderung beginnt schon im Kleinen!“ in die Schlacht für – ja was möchten wir eigentlich wirklich erreichen?

Jedes Steinchen erschafft einen Hügel

Ich verstehe mich als emanzipierte Frau. Selbstbewusst und voller Vertrauen auf meine Stärken, in mich und meine Fähigkeiten, begegne ich tagtäglich den vielschichtigen Herausforderungen meines Berufs- und meines Privatlebens. 

Zugegeben: In den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit war ich bemüht, niemanden wissen zu lassen, dass ich nicht nur junge Berufseinsteigerin war, sondern auch gleichzeitig junge Mutter. Erst war es eine bewusste Entscheidung, später wurde es zur Normalität. Ich merkte schnell, dass Respekt hart erarbeitet werden muss, bei Kollegen und Vorgesetzten. Unabhängig ihres Geschlechts. Neid spielt da manchmal eine Rolle, auch unbewusste Ängste, vielleicht hat der eine oder andere meinen Ehrgeiz anstacheln wollen. Und manch Kommentar ließ keinen Zweifel, wo mein Gegenüber naturgemäß meine wahre Rolle sah. 

Interessanter also als die Frage nach dem Gender-Sternchen ist daher die Tatsache, dass sich in einem Vierteljahrhundert beispielsweise an dieser Form der (ab)wertenden Kommunikation kaum etwas geändert hat. Junge Menschen auf dem Weg „nach oben“ teilen diese Erfahrungen. Männlein wie Weiblein. Mit dem kleinen Unterschied, dass Frauen über ihr Aussehen und ihre natürliche Rolle als Mutter noch ein bisschen mehr Angriffsfläche bieten. 

Sagt ein Mann in der Konferenz: „Den nächsten Termin muss ich verschieben, da sind meine Enkel zu Besuch.“, erntet er Verständnis und Beifall. Verlässt eine Frau einen Termin mit – unvereinbarter – Überlänge, muss sie sich schon mal die Frage gefallen lassen, ob sie sich nicht lieber für die Familie entscheiden und ganz zu Hause bleiben möchte …

Nicht reden, machen!

Wie und ob jemand damit umgehen möchte, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Es gibt Menschen, die daran wachsen, schlagfertig werden und schnell lernen. Sie akzeptieren die großen und die kleinen Respektlosigkeiten und Ungerechtigkeiten im (Berufs-)Alltag als notwendiges Übel, als Preis, den man zahlt, wenn man „mitspielen“ möchte. Für alles gibt es geeignete Techniken, auch, um sich durchzusetzen und zu behaupten. 

Wer sich allerdings mehr Frauen als Mitarbeiter oder Führungskräfte mit den eingangs beschriebenen Kompetenzen wünscht, der muss dafür Sorge tragen, dass sein Unternehmen frei von veralteten Klischees ist. Diese fortschrittlichen Arbeitgebenden beurteilen die Leistung ihrer Mitarbeiter nach den Ergebnissen, die sie erzielen. Sie lassen sich nicht von „Dampfplauderern“ blenden, die keine Veranstaltung auslassen können und es als „Netzwerken“ verkaufen, aber wenig Substanzielles in der Sache beitragen können. Die fördern auch diejenigen, die zwar immer 120 Prozent geben und pünktlich liefern, aber nicht beim gemütlichen Umtrunk im Anschluss an den Arbeitstag dabei sein können, weil zu Hause die Familie wartet. Diese Menschen mit Führungsverantwortung hören sich Ratschläge und kreative Vorschläge an – unabhängig davon, welches Geschlecht oder welche Position ihr Gegenüber hat.

So lange unsere Strukturen in unserem Denken und in der Berufswelt veraltet und überholt sind, bleiben die gläsernen Decken. Da helfen auch keine Wortspielchen, Pointierungen oder Lippenbekenntnisse.